Spuren eines Imperiums

Die Villa Rustica von Hechingen-Stein

Autorin: Sabine Volkert

Auf einer Waldhöhe oberhalb von Hechingen- Stein, erstreckt sich eine der bedeutendsten römischen Fundstätten Süddeutschlands: das Römische Freilichtmuseum Hechingen-Stein. Hier, eingebettet zwischen Bäumen und Hügeln, offenbart sich ein weitläufiges Zeugnis römischer Land- und Kulturgeschichte, das heute als lebendiges Museum erlebbar ist.

Die Stätte wurde 1971 durch den damaligen Bürgermeister von Stein, Gerd Schollian, entdeckt. Zwischen 1978 und 1981 erschlossen erste archäologische Grabungen die Überreste einer außergewöhnlich großzügigen römischen Villa Rustica – einer ländlichen Gutshofanlage mit Wohn- und Wirtschaftsbereichen, umschlossen von einer circa fünf Hektar großen Umfassungsmauer. Seit 1992 werden hier nahezu ununterbrochen weitere Grabungen durchgeführt, die eine Vielzahl weiterer Bauten wie Speicher, Mühlengebäude, Wohnhäuser, eine Schmiede und sogar einen Eckturm zu Tage fördern.

Im Kern der Anlage steht die Portikusvilla, ein Wohngebäude mit offenem Säulengang. Im rekonstruierten Hauptgebäude zeigt das Museum nicht nur originale Fundstücke wie Keramik, Eisen- und Bronzenwerkzeuge oder Münzen, sondern auch nachgebaute Wohnräume. Besucher können einen Einblick in die Alltags- und Wohnkultur der damaligen Zeit gewinnen. Ein besonders bemerkenswerter Teil der Anlage ist der außerhalb der Umfassungsmauer freigelegte Tempelbezirk, dessen Ausgrabung zwischen 1992 und 1995 erfolgte. Mit zehn kleineren Kapellen und einer Säulenhalle zählt er zu den seltenen Heiligtümern nördlich der Alpen. Nach jahrelanger Arbeit des Fördervereins wurde dieser Bereich nahezu vollständig rekonstruiert und eröffnet. Im Freilichtmuseum werden die archäologischen Ergebnisse durch Tafeln, Modelle und rekonstruktive Architektur kombiniert. Eine Ton-Bild-Schau führt Besucher in die Geschichte der Villa und der römischen Besiedlung ein, ergänzt durch konkrete Alltagsgegenstände und Alltagsszenen.

323 Mitglieder hat der „Förderverein Römisches Freilichtmuseum Hechingen -Stein“ derzeit, die zwischenzeitlich auch sehr aktiv sind, berichtet Christoph Schoder, Kassierer und Beauftragter für Werbung und Kommunikation. „Viele der Mitglieder packen mit an. Unsere Ausgräber werden für ihre archäologischen Projekte ausgebildet, unsere Reenactoren erhalten Ausrüstung beziehungsweise finanzielle Zuschüsse; es ist für den einzelnen möglich im jeweiligen Bereich vom freiwilligen Ehrenamt ins Hauptamt zu wechseln. Einmal im Jahr wird für engagierte uninteressierte Mitglieder eine Bildungsreise angeboten.“

Helfende bei den Ausgrabungen sind vorwiegend im Frühjahr und Sommer aktiv, aber auch bei den Auswertungen und gegebenenfalls bei der Rekonstruktion behilflich. „Spannend ist dabei, dass diese teilweise mit den alten Techniken durchgeführt werden. Das zählt dann zur experimentellen Archäologie. Und an dem Punkt verschwimmt dann Grenze zwischen Reenactment und Archäologie. Archäologie braucht Publikum. Darum gibt es bei uns unsere Darsteller. Militär, aber auch Gladiatoren, Bauern, Künstler, Sklaven, Handwerker soll es geben, da wir ja ein Bauernhof beziehungsweise ein Gutshof sind. Die Gewandeten gestalten unsere Museumsveranstaltungen mit, repräsentieren uns aber auch an Römerveranstaltungen auswärts oder bieten bei uns gewandete Erlebnisführungen für die Besucher an. Wobei wir dann bei den Museumsführern angekommen sind, ein weiterer wichtiger Bereich im Museum. Unsere Museumsführer bringen den Besuchern das Leben ins unserer Villa Rustica näher. Man könnte sagen, sie sind eine Art Gegenpart zu unseren Reenactoren.“

Wer schonmal im Freilichtmuseum auf gewandete Reenactoren getroffen ist, fragt sich unwillkürlich, woher die Rüstungen und Gewänder stammen. Neben dem vorhandenen Museumsfundus oder Weitergabe durch andere Darstellende, kann man unter anderem auf spezialisierte Onlineshops zurückgreifen, der Markt dafür ist aber überschaubar. Daher bleibt nichts anderes übrig selbst als Schmied, Schneider oder Schreiner tätig zu werden; zumal viele mehr als eine Rolle ausfüllen. Man kann an einem Tag einen Centurio darstellen und am nächsten einen Lehrer. Christoph Schoder beispielsweise betreibt aktive darstellende Rollen beim venezianischen Karneval, als Medicus und als Gladiator.

Das größte Reenactment Event ist die Veranstaltung „Römer im Schein der Fackeln“ mit bis zu 4.000 Besucher an zwei Tagen (Dieses Jahr am 10.10.26 und 11.10.2026) und historisch Römer-, Kelten- oder Germanengruppen. Ein Darsteller reise sogar extra aus den USA an. Andere aus Österreich, Italien, Frankreich, Schweiz, Rumänien und Bulgarien.

Etwa 20.000 BesucherInnen verzeichnet das Freilichtmuseum jährlich. Wie in fast jedem Verein werden dazu weitere helfende Hände immer benötigt, aber auch Sponsoren. Einmal für die Ausgrabungen und andererseits für eine Modernisierung der Ausstellung. „Wir würden gerne unsere Grabungstätigkeiten zukunftssicher machen. […] Es gibt verschiedene spannende auf Funde, die nach der Ausgrabung und Auswertung wieder mit Erde abgedeckt werden mussten, weil die Konservierung für eine Ausstellung einfach zu teuer wäre.“ berichtet Herr Schoder. „Unser Ehrenvorsitzender hofft immer noch auf den Fund des Goldhorts. Aber das wird wohl eher nichts mehr, da die Villa geordnet verlassen wurde. Aber mit Überraschungsfunden ist immer zu rechnen, zumal erst ein überschaubarer Teil der Anlage ausgegraben wurde.“

Ein Wunschprojekt ist außerdem ein Treffen der verschiedenen deutschen oder europäischen Gladiatorengruppen in der Villa Rustica. Ein anderes Format wird es dieses Jahr neben dem Fackelschein definitiv wieder geben, nämlich die Saturnalien. Die Saturnalien (eine Art Mischung aus Karneval und Weihnachten) wurden ab dem 17. Dezember von den Römern gefeiert. Wer noch nie im Freilichtmuseum war, aber gerne römische Luft zu schnuppern möchte, dem sei der Kindererlebnistag im September und der Familientag am 1. Mai oder der Fackelschein besonders empfohlen. Diese Veranstaltungen sind auf Familien ausgerichtet. Etwa einmal im Monat gibt es außerdem eine sogenannte Museumsbelebung, bei der oft einzelne Reenactmentgruppen zu Besuch sind.

Aus dem Vereinszweck, teilt mit Christoph Schoder mit, nämlich dem Erhalt und Erforschung der Villa Rustica in Hechingen Stein, ergab sich das Motto: Römische Geschichte erleben. „Dazu gehört halt nicht nur das Gebäude, sondern auch durch die Darstellung.“ Das Römische Freilichtmuseum von Hechingen-Stein ist weit mehr als eine Ausgrabung: Es ist ein Ort, an dem Wissenschaft und Öffentlichkeit aufeinandertreffen, wo antike Architektur und Alltagsszenen rekonstruiert und greifbar gemacht werden. Hier wird die Vergangenheit nicht nur rekonstruiert, sondern erzählerisch vermittelt – als lebendiger Teil der regionalen Kulturgeschichte Süddeutschlands.

Öffnungszeiten: 29 März bis 1. November: 10 – 17 Uhr, montags Ruhetag

www.roemischesfreilichtmuseum.de
Instagram: @roemischesfreilichtmuseum

Eintrittspreise:

  • Erwachsene 8 EUR
  • Kinder (ab 6 Jahren) 6 EUR
  • Zugang zum Spielplatz, Gastronomiebereich und der Panoramaterrasse: Eintritt frei