Bewährtes bewahren

Wie steht es um Traditionsberufe im Zollernalbkreis? Und vor allem: Wie sieht ihre Zukunft aus? Fragen, die Dieter Holweger, Inhaber der Küferei & Kellerei Holweger in Täbingen, Hebamme Margit Herrmann aus Balingen und Wanderschäfer Ralf Braun von den Harthöfen in Nusplingen stellvertretend für ihre Berufe gerne beantwortet haben. 

Ihre Tätigkeit ist fast so alt, wie die Menschheit selbst und wer schonmal eine hatte, kann sich den Kreißsaal und ein Wochenbett nicht ohne Hebamme vorstellen. Über die Hebammenarbeit finden sich bereits Aufzeichnungen aus der Antike von „weisen Frauen“ bei der Geburtshilfe.

Ein weiterer jahrhundertealter Handwerksberuf ist der des Küfers. Die Berufsbezeichnung leitet sich von Kufe ab, dem mittelhochdeutschen Wort für Holzfass. Neben dem Küfer, der Holzfässer herstellt, gibt es noch den sogenannten Weinküfer, also ein Kellermeister, der die Lagerung des Weins in Fässern überwacht.

Der Beruf des Schäfers entstand mit der Domestizierung von Schafen vor etwa 10.000 Jahren. Heute heißt der Beruf „Tierwirt mit Fachrichtung Schäferei“. Besonders auf der Schwäbischen Alb hat die Schafhaltung eine lange Tradition, da auf den kargen Flächen kaum etwas angebaut werden konnte.

Doch wie sieht nun eigentlich der Arbeitsalltag dieser Berufe aus?

Margit Hermann meint dazu: „Traditionsberufe haben so ein romantisches Bild: wie schön das mit den Babys! Aber dieser Beruf fordert Tag-; Nacht- und Feiertagsarbeit. Darüber hinaus ist er emotional fordernd. Es kann sehr beflügelnd sein, aber auch das genaue Gegenteil.“ Margit Hermann arbeitet sowohl als aufsuchende, freiberufliche Hebamme, als auch im Kreißsaal des Zollernalb Klinikums. Eine aufsuchende Hebamme führt selbständige und umfassende Beratung und Betreuung von Frauen während der Schwangerschaft, Wochenbett und Stillzeit durch, sowie die Untersuchung und Betreuung der Neugeborenen. Die meisten freiberuflichen Hebammen bieten darüber hinaus auch noch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse an. Als Hebamme im Krankenhaus ist die Hauptaufgabe die Betreuung der Gebärenden und die selbständige Leitung von physiologischen Geburten. Dies ist auch die Lieblingstätigkeit von Margit Hermann: „Am liebsten: Geburten! Also das Elementare dieses Berufes. Am wichtigsten an der Hebammenarbeit finde ich die Betreuung von Mutter und Kind unter der Geburt in Einklang zu bringen. Hebamme ist kein Pflegeberuf, sondern ein Beruf, der in seiner Nische – einem kleinen Kompetenzbereich ohne ärztliche Anordnung – großen Einfluss hat und einen riesigen Erfahrungsschatz mitbringt.“

Ein verklärtes Bild des Schäfers, der auf der Wiese stehen und den ganzen Tag den Schafen zuschaut, muss auch Ralf Braun öfters geraderücken. Er und sein Schwager Harald Höfel ziehen als Wanderschäfer mit ihrer Schafherde durch verschiedene Gebiete. Da eine Wiese am Tag für die Schafe nicht ausreicht, bewegt man sich tagsüber mehrmals weiter, abends werden die Schafe eingepfercht. Über den Sommer bis zum Herbst geschieht dies auf dem benachbarten Truppenübungsplatz Heuberg. Wenn es in Meßstetten dann aber zu kalt für die Schafe wird, geht es mit ihrer Herde von etwa 750 Schafen in Richtung Bodensee. „Hier ist der Weg das Ziel“ meint Ralf Braun. An seinem Beruf gefällt ihm bei Wind und Wetter draußen in der Natur bei seinen Tieren zu sein und vor allem auch die Arbeit mit den Hütehunden. Diese werden selbst ausgebildet. Ein junger Hund läuft mit den erfahrenen Hunden erstmal mit. Insgesamt 11 Stück haben die beiden, besonders geeignete Rassen sind deutsche Schäferhunde und altdeutsche Hütehunde. „Dieser Beruf ist nur was für Idealisten“ hält Ralf Braun fest „und ohne eine Familie, die dahintersteht, geht es nicht“. Wer nun neugierig geworden ist: Es besteht die Möglichkeit Harald Höfel für einen Tag als Schäfer zu begleiten.

Der Fass- und Zuberbau, sowie deren Pflege sind die Hauptaufgaben von Dieter Holweger, des einzigen – und vermutlich letzten – Küfers im Zollernalbkreis. Die Zuber aus Fichtenholz werden seit 50 Jahren von den Holwegers für die Narrenzunft Schramberg gefertigt und sind das Aushängeschild des Betriebes. Das Ehepaar Holweger schaut jeden Rosenmontag zu, wie ihre Badezuber, dann bunt bemalt und mit selbst kreiertem Aufbau der Narren, die Schiltach hinunterfahren. Holzfässer hingegen werden nur noch für den Eigenbedarf hergestellt. Ein 80 Liter Holzfass dauert in der Fertigung ungefähr acht Stunden. Zuvor muss das Holz allerdings noch zugesägt und gefräst werden. Die einzelnen Bretter werden in einen Eisenreifen eingepasst, die oberen Enden gleich ausgerichtet und weitere Eisenreifen aufgezogen, bevor in der Mitte des Fasses ein Holzfeuer entzündet werden kann. Dadurch wird das Holz erwärmt und so biegsam gemacht. Währenddessen muss das Fass laufend von außen nass gemacht werden. Abschließend kann dann Mithilfe des Fasszuges das Fass am unteren Ende zusammengezogen werden. Es versteht sich von selbst, dass so ein Holzfass seinen Preis hat. Auf Grund einer stark zurückgegangenen Nachfrage übt Dieter Holweger sein Handwerk schon seit 1985 nur noch im Nebenerwerb aus und musste sich hauptberuflich eine andere Arbeit suchen. Das Ehepaar Holweger betreibt nicht nur die bekannte Brennerei und Mosterei in Täbingen, sondern hat 2002 auch noch einen Getränkeladen eröffnet. Sie sind sehr heimatverbunden und wollten eine Grundversorgung im Ort gewährleisten. 

Wie kommt man darauf einen Traditionsberuf zu ergreifen?

„Das ich Küfer werde, das war eine Vorgabe“ Dieter Holweger musste damals den Familienbetrieb seines Vaters übernehmen. Aber er fügt hinzu, auch wenn er nicht die Möglichkeit hatte, seinen Beruf frei auszusuchen, mache er ihm viel Freude. „Mit Holz arbeiten gibt einem schon was, es entstehen schöne Sachen daraus.“

Ganz anders verlief die Berufswahl bei Schäfer Ralf Braun. Schon als achtjähriger Bub ist er bei seinem Schwager Harald mit der Schafherde mitgelaufen und hat seitdem davon geträumt, Schäfer zu werden. Leider gab es für ihn nach dem Schulabschluss keine Stelle dort, deshalb hat er erstmal in der Industrie gearbeitet und nebenbei die Ausbildung zum Tierwirt, Fachrichtung Schäferei, absolviert. Sobald es möglich war, ist er in seinen Traumberuf gewechselt.

Der eindeutige Auslöser für den Berufswunsch von Hebamme Margit Hermann war ein Film, den sie mir 14 Jahren gesehen hat und in dem die Protagonistin eine Hebamme war. Das hat sie sehr fasziniert. Den Ausbildungsberuf Hebamme dürfte man damals erst ab 18 Jahren beginnen, weswegen sie zunächst einen anderen Beruf ergriff. Der Gedanke daran hat sie allerdings nicht losgelassen, bis sie die dreijährige Ausbildung an der Hebammenschule der Uniklinik Heideberg begonnen hat.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne und bei aller Leidenschaft für die Berufe, sind Probleme natürlich auch hier zu genüge vorhanden, deshalb blicken einige der traditionellen Berufe in eine ungewisse Zukunft. Ein hoher Arbeits- und Kostenaufwand bei unrentabler Entlohnung ist eines davon.

Wenn eine Hebamme eine telefonische Beratung mit 5,90 EUR bei der Krankenkasse abrechnen kann, „dann wird bei einem 30 min Gespräch rückwärts gearbeitet“ mein Margit Hermann. Auch wenn sie nicht in die immer gleiche Kerbe schlagen will, ist die einzige Sache, die sie gerne an ihrem Beruf ändern würde: „Die Bezahlung. Den Beruf liebe ich so wie er ist und würde ihn immer wieder ergreifen.“ Auch Nachwuchsprobleme sieht sie keine, da genügend InteressentInnen vorhanden sind. Die Schwierigkeit wird sein „alle, die jetzt das Studium machen durch gute Arbeitsbedingungen in diesem Beruf zu halten.“

Auch Ralf Braun möchte eigentlich nichts an seinem Beruf ändern, aber es wäre schön, wenn man von seinen Produkten auch leben könnte, denn von der Schur und der Lammzucht allein ist das nicht möglich. Das Scheren eines Schafes kostet 3,50 EUR und ergibt etwa 3 Kilogramm Wolle, die im Übrigen feinste Merinowolle von bester Qualität ist. Verkaufen könnte man diese, wenn man denn überhaupt einen Abnehmer findet, für 80 Cent pro Kilo. Das diese Rechnung nicht aufgeht, muss nicht weiter erklärt werden. Deshalb stammen 75% seiner Einnahmen aus Fördergeldern für die Landschaftspflege. „Da wir ein Gebiet von 300 Hektar bewirtschaften, ist das eine gute Einnahmequelle. Wer weniger Fläche zur Verfügung hat, bei dem sieht es nicht so gut aus.“ Ein weiteres Problem, dass mit Sicherheit bald bei ihnen ankommen wird, davon ist Ralf Braun überzeugt, ist der Wolf.  Einen wirklichen Plan können sie hierfür noch nicht entwickeln. Wenn es für den Herdenschutz, auch von Seiten der Politik aber keine Lösung gibt, wird es ein Riesenproblem für alle Schäfer werden und mit Sicherheit auch das Ende des ein oder anderen Betriebes bedeuten, da ist sich der Schäfer sicher.

Vor allem um den Küferberuf steht es in Deutschland sehr schlecht. Die Holzfässer wurden überwiegend durch Edelstahlfässern abgelöst, da diese platzsparender und leichter zu reinigen sind. Die Fässer, die noch benötigt werden, kommen daher auch sehr häufig aus dem Ausland. „Ein paar wenige werden übrig bleiben um den geringen Bedarf, den es noch gibt, zu decken.“ meint Dieter Holweger. Er ist in gutem Kontakt mit einem Küfer aus dem Nachbarlandkreis. Die beiden tauschen bei Engpässen auch mal Werkzeug oder Holz aus, denn Konkurrenz gibt es für Dieter Holweger nicht: „es gibt nur Mitbewerber, das hebt das Niveau, dann muss man eben durch Qualität überzeugen!“

Trotz Probleme und Zukunftssorgen ist es schön zu sehen, wenn Berufe zugleich auch Berufung sind und mit viel Leidenschaft und Freude ausgeübt werden. Allen drei GesprächspartnerInnen deshalb alles Gute für ihre berufliche Zukunft.

Autorin: Sabine Volkert